Der revolutionärste Landwirt der Welt - höchstwahrscheinlich
Von Christoph Pfluger, Zeitpunkt Nr. 105, Januar/Februar 2010Er pflügt nicht, er düngt nicht, er bringt mit Absicht Unkräuter aus und er bringt in seinen Felder gleichzeitig drei oder mehr sich gegenseitig unterstützende Saaten aus. Und trotzdem ...
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Er pflügt nicht, er düngt nicht, er bringt mit Absicht Unkräuter aus und er bringt in seinen Felder gleichzeitig drei oder mehr sich gegenseitig unterstützende Saaten aus. Und trotzdem erntet der Demeterbauer Uwe Wüst mehr als seine konventionell arbeitenden Kollegen. Der improvisiert wirkende, etwa hundertfünfzig Hektar grosse Hof in der Nähe von Würzburg wurde inzwischen mehrfach ausgezeichnet und ist Ziel vieler Forscher auf der Suche nach alten Getreidesorten und seltenen Pflanzen. Jetzt wird der Pionier und sein wissenschaftlicher Berater Dirk Appel in einem schönen Bildband von Antonius Conte gewürdigt.
„Der Besucher fühlt sich in eine andere Welt versetzt", schreibt Ulrike Gonder in ihrem Vorwort. „Wir sehen hier keine alternativen Sektierer, sondern Originale mit eigenem Kopf, Ideen und Durchhaltevermögen, die hochwertige, schmackhafte Lebensmittel erzeugen. Die einzigartige Kombination aus Traditionsbewusstsein und Innovationsfreude, aus Lässigkeit und konsequentem Denken und Handeln hat mich gleich fasziniert." Die grossformatigen Fotos von Antonius Conte vermitteln die Schönheit dieses Projekts, seine kalkulierte Wildheit und die unbändige Vitalität von zwei Männern, die mit sich und der Natur im Reinen sind. In langen Gesprächen mit Antonius Conte breiten Wüst und Appel ihre Philosophie und ihre praktischen Arbeitsmethoden vor den Lesern aus: Wer nachhaltig wirtschaften will, müsse eine „Kultur der Wildheit" erschaffen, denn stets ist die Natur Vorbild für eine Geisteshaltung, die Leben erschafft und es zu gegebener Zeit wieder sterben lässt, damit Neues wachsen kann. Das Buch ist auch ein Fanal des kreativen Widerstands in einer Zeit, in der die grossen Saatgutkonzerne nach der Macht über Lebensmittel und damit über die Menschen greifen. Wie in der politischen Welt scheint auch in der Landwirtschaft nichts an der Erkenntnis vorbeizuführen, dass statt Reformen eine Revolution nötig wäre.
Zu Gast im Wohnzimmer der Natur
Von Doreen FröhlichMan kann es drehen und wenden, wie man will. Egal, ob man den liebevoll gestalteten Bildband „Neues Essen" des Künstlers und Unternehmers Antonius Conte traditionell von vorne ...
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Man kann es drehen und wenden, wie man will. Egal, ob man den liebevoll gestalteten Bildband „Neues Essen" des Künstlers und Unternehmers Antonius Conte traditionell von vorne aufblättert oder sich zuerst von der hinteren Umschlagseite zur Lektüre begrüßen lässt: Ein weißer Untergrund gibt rote Lettern frei, jeweils fünf Buchstaben und drei. Darunter Tintenfeines in Schwarz.
Weiß, Rot und Schwarz sind die entscheidenden typografischen Farbelemente des Buches. Sie prägen seinen Textkörper und spiegeln sich in seinen großformatigen Bildern. Das kühle Weiß wogt im Meer der Gänseblümchen; das Rot leuchtet in den Köpfen der Mohnblüten; dunkel schimmert die äußere Haut des schwarzen Hafers und Emmers. Antonius Conte hat seinen Bildband mit 100 selbst aufgenommenen Fotografien angereichert.
Der wilde und facettenreiche Protagonist von „Neues Leben No. 1: ERNTE GUT - ALLES GUT" der Edition NaturKraftWerke® ist der Demeter- und Naturschutzhof Wüst, der über 150 Hektar landwirtschaftlich genutzte Fläche verfügt. Betrieben wird er von dem Landwirt Uwe Wüst und seinem landwirtschaftlichen und wissenschaftlichen Mitarbeiter Dirk Appel. ‚Krautfürnix‘, so der Name des Hofes in Königheim-Brehmen in der Nähe von Würzburg, probiert ein neues, ein revolutionäres und dabei eigentlich selbstverständliches Konzept: Wüst und Appel verwenden keinen Dünger, sie entfernen kein Unkraut, die Böden werden nicht gepflügt, es wird nichts gespritzt, nichts technisch, chemisch oder sonstwie behandelt, es wachsen bis zu drei Ernten gleichzeitig auf den Äckern. Die 55 Kühe, 22 Schweine, 40 Hühner und der eine Esel des Hofes leben ganzjährlich an der frischen Luft. Zwischen wilden Wiesenblumen finden sich seltene Pflanzen und alte Getreidearten.
2006 haben Wüst und Appel den 1. Preis in der Kategorie „Förderpreis Naturschutzhöfe" erhalten.
Conte nimmt in seinem Plädoyer für die „Kultur der Wildheit", die die beiden „Querdenker und Gegen-den-Strom-Schwimmer" praktizieren, den Leser mit auf eine Reise. Der, der liest und blättert, begibt sich mit dem Künstler auf den Weg zum Hof, durchstreift an seiner Seite die weiten Felder und betrachtet die Flut an kraftvollen und satten Motiven wie mit eigenen Augen. Kleine, poetisch erzählte Passagen stimmen auf die einzelnen Kapitel ein und verbinden die Gespräche der beiden Landwirte mit dem Künstler. Im Anschluss lassen sich in der Warenkunde Getreidesorten und Hülsenfrüchte nachschlagen. Mit Anregungen aus dem Rezepteteil, der von der Ernährungs- und Gesundheitsberaterin Erica Bänziger beigesteuert wurde, zergeht die Erinnerung an den gemeinsamen Ausflug buchstäblich auf der Zunge.
Das zentrale Thema von ERNTE GUT - ALLES GUT ist die Nachhaltigkeit der Landwirtschaft, ihre exzessive Mischfruchtkultur, ihre defensiv bewirtschaftete und nach eigenen Rechten lebende Erde. Wüst und Appel, die „Originale mit eigenem Kopf, Ideen und Durchhaltevermögen", erzeugen mit Hilfe dieser Voraussetzungen „qualitativ hochwertige [...], schmackhafte Lebensmittel", wie Ulrike Gonder in ihrem Vorwort erläutert. Auf den Böden von ‚Krautfürnix‘ treffen „Traditionsbewusstsein und Innovationsfreude aufeinander", so die Ernährungswissenschaftlerin. Die Erträge des Hofes erfinden sich jedes Jahr wieder neu.
Linsen zum Beispiel, von denen auf dem Demeter-Hof ein hoher Ertrag heranwächst. Die kleinen Hülsenfrüchte, die eine unkomplizierte Mischkultur mit Leindotter eingehen, liegen den beiden Landwirten ganz besonders am Herzen. Denn, so Dirk Appel voller Begeisterung: „Ein Leben ohne Linsen ist möglich, aber sinnlos!"
